Tanztalk: Wem gehört die (Tanz-)Gegenwart?

Termine
  • 29.5.2024, 18:00 Uhr

von TANZKOMPLIZEN

Diskursreihe

Wer entscheidet eigentlich darüber, welche Tanzarten als „zeitgenössisch“ gelten und welche nicht? Gehört Street Dance dazu? Philippinischer Tanz? Flamenco? Ja, nein, vielleicht? Und was heißt dann Crossover: große Beliebigkeit oder Vielfalt am Puls der Zeit?

In der Spielzeit 2023/24 laden wir drei Expert*innen dazu ein, über den Tanz im Hier und Jetzt ins Gespräch zu kommen. Wir werden an dieser Stelle im Laufe des Jahres Essays veröffentlichen, die sich zum Teil aufeinander beziehen und auch als Replik gelesen werden können.

Den Anfang machte Johannes Odenthal, im April und Mai folgten Texte von Sasha Amaya und Raphael Moussa Hillebrand.

Diese schriftliche Diskursreihe mündet zum Ende der Saison dann in eine öffentliche Panel-Diskussion im Rahmen des TanzZeit-Festivals ALLES TANZT 2024.

Tanztalk: „Wem gehört die (Tanz-)Gegenwart?“

Es diskutieren: Sasha Amaya, Raphael Moussa Hillebrand, Johannes Odenthal
Moderation: Nora Amin
Termin: 29. Mai 2024, 18 Uhr
Veranstaltungsort: Podewil, Klosterstraße 68, 10179 Berlin

Veranstaltungssprache: Englisch (mit Flüsterübersetzung)

⇒ Zur Anmeldung (Teilnahme kostenfrei)

 

Teil 1: „Was ist Zeitgenössischer Tanz? Eine Annäherung“ von Johannes Odenthal

Wir schauen heute auf eine Tanzgeschichte von 120 Jahren zurück, in der immer neue Bewegungsformen entstanden sind, der menschliche Körper als einzigartiger Wissensspeicher, als Medium des Lernens und Transformierens erforscht wurde, als Ort von Selbstbestimmung und Identität. Wir können von einem Jahrhundert des Tanzes sprechen, das in Begriffen wie Freier Tanz, Neuer Tanz, modern dance, postmodern dance, Ausdruckstanz und Tanztheater, Butoh oder Nouvelle Dance und vielen mehr als Teil der Moderne gelesen wird.

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„What is Contemporary Dance? An Approach“ by Johannes Odenthal

Today, we can look back on 120 years of dance history. New forms of movement have constantly emerged and the human body has been explored as a unique storehouse of knowledge. Dance, a medium of learning and transformation, is a place of self-determination and identity.
We can speak of a century of dance. Terms such as free dance, new dance, modern dance, postmodern dance, expressionist dance and dance theater, Butoh or Nouvelle dance and many more as part of modernity.

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Teil 2: „Über das Tanzen im Jetzt“ von Sasha Amaya

Zeitgenössischer Tanz ist Trotz

Er ist eine Abkehr vom Ballett

Er ist ein Tanz, der die Vielfalt der Formen berücksichtigt, sie aber auch oft ausnutzt

Zeitgenössischer Tanz ist ein Zusammentreffen von Körpern

Er ist ein Quiz und ein Test

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„On Dancing in the Now“ from Sasha Amaya

Contemporary dance is defiance
It is a move away from ballet
It is a dance which takes into account a diversity of forms, but also, often, exploits them                                                                                    Contemporary dance is a coming together of bodies
It is a quiz and a test

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Teil 3: „Zeitgenössischer Tanz 2.0“ von Raphael Moussa Hillebrand

Was bedeutet der Begriff Zeitgenössischer Tanz für uns heute?

Zeitgenössischer Tanz wird oft als direkter Nachfahre des Postmodernen Tanzes betrachtet. Als dieser Begriff entstand, versprach er, dass alle Stile darin Platz finden würden. Doch dieses Versprechen wurde bisher nicht vollständig eingelöst. Bis heute gibt es im Zeitgenössischen Tanz Ausschlüsse, über die wir uns immer mehr bewusst sind.

Deshalb ist es meiner Meinung nach an der Zeit, sich vom alten Verständnis des Zeitgenössischen Tanzes zu verabschieden und den Begriff neu zu definieren: Es ist Zeit für einen Zeitgenössischen Tanz 2.0.

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„Contemporary Dance 2.0“ from Raphael Moussa Hillebrand

What does the term contemporary dance mean to us today?

Contemporary dance is often seen as a direct descendant of postmodern dance. When this term emerged, it promised that all styles would find a place in it. But this promise has not yet been fully realized. Until today there are
exclusions in contemporary dance that we are increasingly aware of.

Therefore, in my opinion, it is time to say goodbye to the old understanding of contemporary dance and to redefine the term: It is time for contemporary dance 2.0.

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Wir laden auch unser Publikum ein Stellung zu beziehen: Wer fühlt sich vom Begriff „zeitgenössisch“ angesprochen, wer fühlt sich ausgeschlossen? Schickt uns gerne Feedback oder Meinungsbeiträge an kontakt@tanzkomplizen.de.

Zum Interview: „Wir brauchen einen Tanz 2.0“ mit Sasha Amaya und Raphael Moussa Hillebrand für Tanzraumberlin.

 

Über die Expert*innen

Johannes Odenthal

 

 

 

 

Foto: Moritz Haase

Johannes Odenthal ist Kunsthistoriker und Archäologe. Er gründete 1986 die Zeitschrift tanz aktuell, 1993 die Zeitschrift Ballett international / tanz aktuell, heute Tanz. Zwischen 1997 und 2006 war er Künstlerischer Leiter für Musik, Tanz und Theater am Haus der Kulturen der Welt, zwischen 2006 und 2022 Programmbeauftragter der Akademie der Künste, Berlin.

Letzte Publikationen u.a.: 

Passagen, der Tänzer Koffi Kôkô und die westafrikanische Philosophie des Votum, Berlin 2018

Das Jahrhundert des Tanzes. Ein Reader, Berlin 2019

Ismael Ivo. Ich glaube an den Körper, Leipzig 2022.

 

Sasha Amaya

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Peter Oliver Wolff

Sasha Amaya ist Tänzerin, Choreografin und Installationskünstlerin. Amayas Arbeiten beschäftigen sich mit Form, Bewegung, Tanz, Kunstgeschichte, Collage, Text und architektonischer Umgebung als Mittel, den so genannten Kanon der Kunstgeschichte zu revidieren. Dabei nutzt sie existierende historische Erzählungen und Techniken, problematisiert sie, rahmt sie neu und bringt sie als umfassendere Neukonfiguration und Beleuchtung von potentiellen Beziehungen zwischen Politik, Ästhetik und zeitgenössischer Kunst auf die Bühne. Ihre Arbeiten, die sowohl in der bildenden Kunst als auch in choreografischen Kontexten gezeigt werden, sind bekannt für ihre Kombination aus Spiel und Präzision, ihre bissigen Revisionen der Kunstgeschichte und den Körper als radikalen Formgeber.

 

Raphael Moussa Hillebrand

 

 

 

 

 

Foto: Dieter Hartwig, Ballhaus Naunynstraße – „Auf meinen Schultern“ 

Der Choreograf, Tänzer, Kurator, Speaker und Aktivist Raphael Moussa Hillebrand wurde 1982 in Hongkong geboren. Verwurzelt in Deutschland und Westafrika, aufgewachsen in Berlin und ausgebildet durch Hip Hop, schloss er im Juni 2014 sein Masterstudium Choreografie an der Universität der Künste – HZT Berlin ab. Seine künstlerische Arbeit ist eine Fusion von Körper und Sprache, eine kreative Reise durch dekoloniale Erzählungen, die das Publikum dazu einlädt, über festgefahrene Denkmuster nachzudenken. Als Ideengeber und Gründungsmitglied der weltweit ersten Hip-Hop Partei: Die Urbane, setzt er sich u.a. für Dekolonialisierung sowie Empowerment und kulturelle Vielfalt ein. Mit seinem Charme und seiner Offenheit ist Hillebrand ein Künstler durch und durch, der erkennt, dass der Körper ein Motor ist, um die soziale Unwucht in unserer Gesellschaft mutig zu überwinden. Im Jahr 2020 wurde er vom Deutschen Tanzpreis für seine herausragenden künstlerischen Entwicklungen im Tanz geehrt.

 

Nora Amin

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Jacob Stage

Nora Amin is a choreographer, performer, author & scholar. She lives in Berlin since 2015 where she’s been practising her choreographic signature through community dance workshops, professional contemporary dance workshops, solo performances, academic lectures/seminars and authored books. She holds a PhD in cultural policy and the performing arts (Hildesheim university), and is author of “Migrating the Feminine” & “Dance of the Persecuted” (MSB Matthes & Seitz, 2018-2021). She is board member of the German Centre of the International Theatre Institute, member of the scientific committee of the Barba Varley Foundation, and co-creator/curator of the MA Dance program: Community, participation & activism (London Contemporary Dance School, The Place, UK).